Präsentation Hochschule Macromedia: Mögest Du in interessanten Zeiten leben!

Heute fand nach gut 4 Monaten Zusammenarbeit die Präsentation der Ergebnisse statt. Worum es ging, wer es machte und warum es dieses Projekt gibt habe ich in einem Vorwort zu der (bisher) 70-seitigen Projektdokumentation geschrieben. Wir werden diese Dokumentation in den kommenden Wochen zur Veröffentlichung vorbereiten und allen Interessierten dann zur Verfügung stellen.

Vor gut 18 Monaten startete in Bocholt das Projekt „ SMARTER HANDELN BOCHOLT“ dessen Ziel es ist dafür zu sorgen, dass der Bocholter Einzelhandel bis 2025 einen erfolgreichen Digitalisierungsprozess durchgeführt hat, der von Beginn an für den Händler Mehrwerte in Wissen, Praxis und Umsatz schafft, aber auch Zukunftstechnologien vorzeitig auf ihre Anwendbarkeit überprüft. Im April 2018 reichten wir 4 der 10 Maßnahmen, die im Masterplan aufgeführt sind, für eine Förderung durch das Wirtschaftsministerium des Landes NRW ein. Zu unserer Überraschung wurden alle 4 Maßnahmen im Herbst zur Förderung angenommen.
Es dauerte allerdings noch bis April 2019 bis die entsprechenden Unterlagen vorlagen und wir beginnen konnten. Die anspruchsvollste Maßnahme war sicherlich das Ziel, eine Antwort auf „Amazon Prime“ zu finden, dass in seiner Gesamtheit als Mehrwertsystem, Kredit- und Vorteilskarte und wohl bald auch schon als Träger einer eigenen Amazon-Währung der Hebel für den Erfolg dieser Warenplattform ist.
Ich sprach kurz darauf mit Professor Christof Breidenich und er war sofort Feuer und Flamme für die Idee, gemeinsam mit StudentInnen der Hochschule Macromedia an diesen Maßnahmen mitzuarbeiten. Er stellte dafür ein Team zusammen und gemeinsam mit Fabian Coenradie und Britta Lelgemann begannen die Vorbereitungen.

Damals ging mir ein vermeintlicher chinesischer Fluch durch den Kopf:
„Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“.
Vermeintlich, weil ich mittlerweile weiss, dass es diesen Fluch nicht wirklich gibt. Auch wenn ich ihn passend finde, denn interessante Zeiten können einem das Leben zur Hölle machen. Zeit und Leben verrinnen zwischen den Fingern und man verfängt sich schnell in einer Spirale der Innovation und ständigen Optimierung. Beides für Körper und soziale Beziehungen sehr abträglich und als ich mir vorstellte, wie die kommenden Monate werden, erschienen sie mir wenig rosig.

Um das Projekt und meine Gedanken besser zu verstehen, muss man einige Grundlagen der aktuell rasant stattfindenden Digitalen Revolution kennen.
Wir glauben in Deutschland – basierend auf den wirtschaftlich erfolgreichen technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte -, dass wir mit den heutigen Maßnahmen und Entscheidungen eine Chance haben, die rasante Digitalisierung bald schon zu unseren Gunsten vorteilhaft nutzen zu können.
Aber das ist ein Trugschluss.
Vergleichen wir die Digitale Revolution einmal mit der die Gesellschaft und das Land prägende Industriellen Revolution: In 150 Jahren fegte eine Welle der Veränderung durch unser Land, wie es sie zuvor so schnell, so umfassend und so jeden Lebensbereich transformierend, auslöschenden niemals in der Geschichte der Menschheit gab. Technik, Bildung, Ökologie, politische Systeme, Gesundheit, Wissenschaft, nahezu alle Bereiche des Lebens wurden einem nicht umkehrbaren, dauerhaft verändernden Wandel unterzogen. Die Welt, wie wir sie heute kennen, würde es ohne die Industrielle Revolution nicht geben.
Die Digitale Revolution wird grössere und umfassendere Veränderungen mit sich bringen.
Sie braucht dafür aber keine 150 Jahre.
Vielleicht keine 15 Jahre.
Denn sie findet rund um uns herum bereits exponentiell rasant wachsend statt.

Waren wir in Deutschland vor 150 Jahren einer der wichtigsten Treiber der Veränderung, so sind wir bis heute noch nicht einmal die Nutzniesser der Digitalisierung. Wir sind in allen entscheidenden Bereichen der Zuschauer und klammern uns in einem irrealen Glauben an eine überlegene Technik- und Ingenieurskunst. Doch Hardware ist nur ein Abfallprodukt der Digitalisierung. Alles dreht sich nur um Daten, um Künstliche Intelligenz, Blockchains und Quantenclouds, um diese Daten auszuwerten, zu optimieren und rasend schnell und sicher zwischen Menschen, Mensch und Maschinen, zwischen Maschinen und Maschinen und zuvorderst zwischen KI und KI auszutauschen. Das Schürfen, Raffinieren und Transferieren von Daten ist Grundlage und Währung der Digitalisierung.
So, wie es z.B. Google mit dem Web, Amazon und Alibaba mit dem Einzelhandel, Uber mit der Mobilität und Airbnb mit dem Tourismus tun. Diese Plattformen stürzen sie sich auf alle Daten, derer sie habhaft werden können, starten sämtliche Prozesse, um selbst immer mehr Daten zu sammeln und dann alle diese Daten mit Quanten-Clouds und Künstlicher Intelligenz in Echtzeit so individuell optimiert dem Nutzer wieder zur Verfügung stellen, dass er nicht mehr an einem anderen Angebot, als dem ihren, partizipieren wird. Deutsche Digitalisierungsansätze, wie z.B. eine technokratische Smart City und heutige staatliche Förderungen, wirken dagegen naiv und fördern ein Denken und eine Entwicklung, die schon jetzt hoffnungslos veraltet ist, wie Zeitungen, CD, Einzelhandel und Fernsehen.
Die Folgen wären für uns global ähnlich drastisch, wie es für Länder war, die der Industriellen Revolution nicht folgen konnten. Wir würden ein digitales und somit de facto ein Entwicklungsland werden. Dazu kommen unüberschaubare ökologische Folgen durch Rohstoffausbeutung, Ressourcenvernichtung und exorbitanten Energiebedarf, welche die heutigen Auswirkungen der Industriellen Revolution wie einen Kindergeburtstag im Vergleich zum Wacken-Festival aussehen lassen.
Und wesentlich schneller, massiver, tiefer und menschenverachtender als vor 150 Jahren.

Diese Problematik ist allerdings kaum jemanden bewusst und sinnvolle Maßnahmen, hier einen Gegenimpuls zu setzen, gibt es in Deutschland nicht.
Doch genau diesen Gegenimpuls brauchen wir umgehend in den Bereichen Ökologie, Technik, Bildung, politische Systeme, Gesundheit und Wissenschaft. Wir müssen zudem unsere Gesellschaft auf die bevorstehenden Veränderungen vorbereiten. Nicht nur in der Kinder- und Jugendbildung müssen umgehend Anpassungen und Veränderungen vorgenommen werden, auch Erwachsene müssen auf die Auswirkungen der kommenden Jahre vorbereitet und folgend begleitet, betreut werden.
Ein anderes Problem ist z.B. die Förderung digitaler Projekte, neuer Unternehmen und Startups. Bisher geht jede Startup-Förderung davon aus, dass man einem Unternehmen dabei hilft, sich zu entwickeln und stark genug für einen Platz im Markt zu werden. Das ist jedoch ein falscher Weg, denn wenn es stark genug für den Markt ist, wird es zum Zielobjekt von globalen Plattformen und Investoren, denen es um Daten und Gewinne geht. Nicht um eine sozial-nachhaltige Digitalisierung. Natürlich ist es utopisch zu glauben, dass man aus dem Stand diese Entwicklung aufhalten kann. Aber sie bewusst zu machen und einen Ort, eine Vision und ein Konzept anzubieten, wo anders über Digitalisierung gedacht wird, ungewöhnliche Wege gegangen, sinnvolle Weichen gestellt und innovative/gesellschaftsrelevante Lösungen gedacht werden, muss ein wichtiger Faktor in der Digitalisierung sein.

Auch unsere Vorstellung von staatlicher, städtischer und unternehmerischer Verwaltung und Projektmanagement ist nicht mehr kompatibel mit der digitalen Realität und diese Erkenntnis und die daraus resultierenden notwendigen Schritte werden viel zu langsam umgesetzt. Bis eine städtische Verwaltung z.B. selbständig ein digitales Change Management in allen relevanten Bereichen einer Stadtgesellschaft vollzieht, hat die Digitale Revolution bereits unverrückbare Fakten geschaffen.

An Städten geht diese massive Veränderung nicht spurlos vorbei. Im Gegenteil.
Städte sind die Fusionskammern der Digitalen Revolution.
Eine Stadt ist heute schon ein Mischung aus digitalen und analogen Elementen. Mit dem Smartphone manövrieren sich Nutzerinnen Mobile Only durch Kommunikation, Unterhaltung und Dienste. Dabei nutzen sie vor allem Angebote, die weder ihre Datensicherheit, noch ihre Persönlichkeitsrechte achten. Moderne ortsbasierte Technologien (GPS, Bluetooth, QR-COde, Mustererkennung, NFC, RFID,…) stellen mit ortsbasierten Diensten (Bezahlsysteme, Smart Home/Store/City-Angebote,…) eine komplex entwickelte, aber einfach zu nutzende Anwendungslandschaft zur Verfügung. Die darauf aufbauenden Mehrwertsysteme werden aber zumeist nicht in der Stadt versteuert, in der sie genutzt werden. Waren, Bankleistungen, Energieproduktion, Touristik und Mobilität wird von ausländischen Anbietern mit ausländischen Steuerstellen über Plattform-Technologien regional zur Verfügung gestellt. Auch die Nutzerdaten unterliegen nicht mehr deutschem Zugriff und Recht. Daher muss es im ureigensten Interesse einer Stadt liegen, eine Infrastruktur zu entwickeln, die zuvorderst die Bürgerinnen und Besucherinnen schützt, Daten nach bestehenden Gesetzen sicher und sinnvoll sammelt, analysiert und relevant wieder den Nutzerinnen zur Verfügung stellt. Die Digitale Revolution muss daher als Kernanliegen haben, die zukünftige Lebensqualität der Bürgerinnen nach Möglichkeit sozial und nachhaltig zu verbessern. Die Chance auf Gestaltung dieser Prozesse muss allen Bürgerinnen offenstehen. Das Potential derer, die sich für die Stadtgesellschaft einsetzen wollen, sollte gefördert und weiterentwickelt werden. Digitalisierungsvorhaben müssen zu den Bedürfnissen der Menschen, genauso zu den Bedürfnissen von Vereinen, Verbänden, Verwaltungen und zum Beispiel auch großen und kleineren Unternehmen passen und sollen die Identität der Stadt und ihres Umlandes nachhaltig aufgreifen.
Eine Stadt kann hierbei nur eine Relevanz im Alltag ihrer Bürgerinnen und Besucherinnen, wenn sie als Infrastrukturleistung eine moderne Plattform anbietet, die möglichst die Grundlagen städtischen Lebens als eine Schnittstelle zwischen dem realen Lebensraum und der digitalen Welt zur Verfügung stellt.

Und genau das wollen wir in Bocholt bauen und gemeinsam mit den StudentInnen so umfassend und praktisch umsetzbar wie möglich so entwickeln, dass diese komplexe Antworten auf komplexe Probleme verstanden und sinnvoll eingesetzt werden können.

Vom ersten gemeinsamen Tag an machte es Freude mit diesem kreativen Team und seinen vielen innovativen bis verrückten, aber cleveren Ideen zusammenzuarbeiten. Die Zeiten in den letzten Monaten waren wirklich interessant, führten aber den Fluch ad absurdum. Für mich war die Zeit mehr ein Segen, denn ich habe unendlich viel gelernt und hatte riesigen Spass bei der Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.

Weder die begleitenden Kräfte der Hochschule Macromedia, noch ich haben uns in die Entwicklung ihrer Idee eingemischt, waren aber immer für jede Diskussion und jeden Wissensexkurs zur Stelle. Besonders möchte ich mich bei Professor Christof Breidenich bedanken, dass er immer wieder externe Expertinnen zu Themen wie Blockchain, Plattformdesign und High-Tech-Events einlud, die sich die Zeit nahmen, bis ins letzte Detail Fragen, Machbarkeit und Umsetzung mit den StudentInnen zu klären.

Aber ganz besonders möchte ich mich bei den StudentInnen bedanken, die mit ihrem Engagement, ihrem Verständnis, der agilen Projekt- und Zusammenarbeit und ihrer Begeisterung für dieses Zukunftsthema, dass wir bereits heute begreifen und angehen müssen, mir die Hoffnung zurück gegeben haben, dass wir vielleicht doch nicht so hilflos einer Digitalen Revolution gegenüber stehen. Denn sie leben in besonders interessanten Zeiten und haben verstanden, was auf sie zukommt und dass sie es sein werden, die diese Zukunft, die meine Generation ihnen durch unsere unbedarfte Unwissenheit eingebrockt hat, erleben und in ihr leben müssen.
Doch sie kennen auch die Antworten auf die Fragen der Zukunft: Wissen, Netzwerken, soziale und ökologische Verantwortung, selber denken und alles hinterfragen.

Frank Tentler
Oberhausen, 16. Juni 2019

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